Uruguay/ Landesinnere und Norden

 

Auf unserem weiteren Weg ins Landesinnere übernachten wir in der Provinzstadt der Region mit selbigem Namen: Treinta y Tres.
Bei der Ankunft auf dem städtischen Campingplatz, der sich in einem kleinen Park im Zentrum befindet, fallen uns merkwürdige, tiefe Reifenspuren auf, die sich in konzentrischen Kreisen um einen Baum herum befinden (Jajaja – wir haben das Gleiche gedacht!). Daher fragen wir bei der Touristeninfo im Park nach, ob man im Park gut übernachten kann, ob es ruhig ist usw. Die Antwort: klar, kein Problem, alles tranquilo.
Wir bekommen eine Ecke im Park zugewiesen, parken so, dass uns die Park-Lampen nicht ins Hochdach scheinen, kochen und essen anschließend gemeinsam mit Marie-Karmen und Julen gemütlich zu Abend, machen uns bettfertig, Licht aus, Augen zu.
Keine 15 Minuten später hören wir das erste Moped. Und dann kommen immer mehr dazu… offensichtlich wird an diesem schönen Freitagabend im Park Motorsport betrieben, denn die Chicos jagen sich gegenseitig mit quietschenden Reifen durch den Park. Zu allem Überfluss müssen wir feststellen, dass wir direkt unter einer der Parklampen geparkt haben – die war zwar am frühen Abend noch ausgeschaltet war, jetzt aber um so schöner leuchtet. Aber es kommt noch besser: direkt in unserer Nachbarschaft steigt eine etwas größere Party mit ziemlich leistungsfähigen Musikboxen. Als musikalischer Abschluss dröhnt um 5:00 morgens das unvergessene „La noche no esta para dormir“ durch den Park, quasi für alle zum Mitsingen.
Im Nachhinein haben wir uns überlagt, woher der Name „Treinta y Tres“ („Dreiunddreißig“) eigentlich kommt:
33 Irre? 33 Mopeds jagen um 33 Bäume? 33 schlaflose Teenies? 33 Boxen sind zu wenig???
(Apropos Uruguay und laute Musik:
hier wird prinzipiell gerne laut Radio gehört. D.h., man sucht sich mit der Herzallerliebsten ein romantisches Plätzchen, gerne auch am Meer mit schönem Blick und Sonnenuntergang, dreht das Radio auf Maximum und lässt sich in der Nähe des Autos nieder. Auf der einen Seite die Liebste, auf der anderen Seite der unverzichtbare Mate-Tee mit Thermoskanne. Bei mehr als fünf Autos baut sich eine Geräuschkulisse auf, die einen als Europäer ziemlich verstört und vom romantischen Sonnenuntergang nicht unwesentlich ablenkt.)

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Am nächsten Morgen fahren wir total gerädert in den Nationalpark „Quebrada de las Cuervos“.
Im „El Cornicho“ werden wir für die vergangene laute Nacht mit Gauchoidylle und Landleben entschädigt. Zwischen unseren Autos laufen Hunde, Katzen, Pferde, Kühe, ein schwarzes Lamm, Hühner und ein großer Truthahn herum. Im Teich quaken die Frösche und am Zaun blühen Maracujas. Hier und da ein Kolibri, bunte Vögel und riesengroße Hummeln.

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Landflucht…..

Am ersten Tag machen wir eine Exkursion zur „Schlucht der Raben“. Nach zweistündiger Wanderung stellen wir fest; hier sieht es aus wie an der Saarschleife – nur mit mehr Palmen.

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Saarschleife?

Abends bereiten Julen und Burkhard alles vor, um ein Asado zu machen: ein bisschen Holzkohle und Holz, 6 Hähnchenschlegel und unser kleiner Asado-Rost.
Direkt nebenan wird ebenfalls vorbereitet: Unmengen von Holz, ein großes Feuer, ein riesiger Asado-Rost und – ein ganzes(!), allerdings entbeintes, Lamm. Der dazugehörige Gaucho schaut grinsend auf unser kleines Feuerchen und murmelt etwas von „…competencia….“.

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Am zweiten Tag wird Wäsche gewaschen, gefaulenzt und gelesen.
Caesar, der Hausherr, war zehn Jahre lang Techniker auf einem Frachtschiff und ist bereits um die ganze Welt gesegelt. Mit dem damit verdienten Geld hat er mithilfe seiner Ehefrau und seinen drei Söhnen eine Posada im Landesinneren errichtet. Im Fotoalbum der Familie können wir seinen Werdegang vom Seemann zum Nebenerwerbsbauern und Posadabesitzer nachverfolgen. Außerdem ist er noch Besitzer (und vielleicht auch Erfinder?) einer äußerst interessanten Dusche: es handelt sich dabei um einen bauchigen Duschkopf, mit einer Art Alkohol-Durchlauferhitzer. D.h. man schüttet Alkohol auf eine flache Scheibe, die sich unterhalb des Duschkopfs befindet, zündet ihn an, schiebt ihn direkt unter den Duschkopf, wartet ein bisschen bis das Wasser im Duschkopf heiß ist (aber nicht zu lange!) und bekommt damit (mehr oder weniger) warmes Wasser. Immerhin ist diese Konstruktion vertrauenswürdiger, als die Duschköpfe mit direktem elektrischen Anschluss, die man auch immer mal wieder hat…

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Unser nächstes Ziel: Nationalpark „Valle del Lunarejo“.
Unterwegs übernachten wir gemeinsam mit einer Roma-Großfamilie im Valle Eden auf einem kommunalen Campingplatz. Sie sind gerade auf der Rückreise nach Brasilien und leben vom Verkauf von Decken und Autobatterien- außerdem kann die Großmutter aus der Hand lesen. Ihrer Bitte, zwei Sahnetorten in unseren Kühlschränken zu kühlen, die sie zur Feier einer Schutzheiligen für den folgenden Tag gekauft haben, können wir leider nicht entsprechen – in den Kühlschrank geht zwar schon was rein, aber bei Sahnetorten wird´s ziemlich eng.
Am darauffolgenden Morgen besuchen wir das Museum „Carlos Gardel“. Carlos Gardel (die „kreolische Nachtigall“), das Nationalheiligtum Uruguays, hat den Tango zu Beginn des 20.Jahrhunderts wieder aufleben lassen und um sein Leben spannen sich zahlreiche Legenden. Bis heute ist ungeklärt, ob er gebürtiger Uruguayer, Argentinier oder Franzose war. Laut Museum natürlich ganz klar Uruguayer!

Weiter geht es in Richtung Nordwesten.
Wir wählen den kürzeren Weg, fahren offroad und treffen auf neugierige Kanincheneulen, diverse Greifvögel, zerschossene Straßenschilder, Kühe in den unterschiedlichsten Verwesungsstadien, Geier, tote, an Zäunen befestigte Füchse, ein kleines Gürteltier, passieren mehrere Gatter und Burkhard rettet heldenhaft einen Nandu (straußähnlicher Vogel), der sich im Weidezaun auf der Flucht vor unserem Auto verfangen hat.

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Gürteltier
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kritische Kanincheneule
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nach der Nandu-Rettung
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Warnschild; Achtung hier wird geschossen!

Nach dieser kurzweiligen Fahrt kommen wir am späten Nachmittag im Valle Lunarejo an. Da Unwetter für die kommende Nacht gemeldet ist, entschließen wir uns dazu, in der gleichnamigen Posada zu übernachten. Die Mutter des Besitzers ist eine hervorragende Köchin und die Vollpension der Posada besteht aus vier (!) äußerst leckeren Mahlzeiten (womit wir wieder beim Essen wären…).

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Außerdem gibt es in direkter Nachbarschaft eine Lagune, an der man gut und ausführlich Vögel beobachten kann.
Am darauffolgenden Tag machen wir eine geführte Tour in einem geländetauglichen, umgebauten russischen Militär- Krankenwagen aus dem 2. Weltkrieg. Flavio, der Besitzer der Posada, erklärt uns die Vegetation des Lunarejo Nationalparks und zwischendrin können wir in einem der natürlichen Steinbecken des Flusses baden. Tiere sind leider keine zu beobachten (obwohl unser Reiseführer etwas von Horden von Nasenbären und Fröschen in allen Farben und Größen schreibt…).

Weiter geht es zu den Thermen von Arapey.
Wir planen für die Fahrt zwei Tage ein und rechnen mit einer Übernachtung in der Wildnis. Die Tour beginnt spannend mit ein paar Flussüberquerungen und anspruchsvollem Gelände, aber außer Kuhherden, Gauchos und ein paar Greifvögeln ist nicht viel zu sehen.

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Schneller als geplant sind wir schon gegen Abend 40km vor unserem Ziel und suchen uns einen Übernachtungsplatz. Zufällig durchqueren wir gerade ein kleines Dörfchen an dessen Ende sich, gleich hinter dem Friedhof, ein schöner Platz zum Übernachten findet. Wir parken unser Fahrzeug auf einer Wiese, hinter ein paar Büschen und Sträuchern, so dass wir nicht gleich vom Weg aus zu sehen sind.

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schlechtes Versteck Nr, 243

In der Nähe von Dörfern muss man am Wochenende immer mit feierfreudigen Mopedfahrern rechnen und es ist Freitag. Bei Christine werden gleich Erinnerungen an 33 geweckt und wir verstecken unser Fahrzeug noch etwas besser. Gerade als wir unsere Idealposition eingenommen haben, kommen die ersten beiden Mopeds angeknattert und drehen in der Nähe ihre Kreise. Ich denk mir: „Flucht nach vorn!“ und komme aus unserem Versteck, um die beiden zu begrüßen. Da ich selbst in einem Dorf aufgewachsen bin, weiß ich, dass Fremde erst mal misstrauisch beäugt werden. Aber kaum bin ich auf dem Weg zu ihnen, verziehen sie sich mit quietschenden Reifen. Wir kochen uns noch schnell was zu Abend, putzen uns die Zähne, Licht aus, Augen zu.
Gerade eingeschlafen, werden wir von herannahenden Autos geweckt. Als ich aus dem Fenster schaue, knallen mir zwei sehr helle, riesige Scheinwerfer ins Gesicht. Ich bin hellwach. Polizei!
Ich spring schnell noch in meine Klamotten da hör ich schon vor der Tür Händeklatschen und ein „Hola, alguien aqui?“ (Das ist hier üblich- wo keine Klingel ist, wird laut in die Hände geklatscht.)
Weil Christine noch am Anziehen ist, klettere ich als Erster aus dem Auto und stehe direkt vor drei Polizisten, die mich mit Ihren Lampen anstrahlen. Ich stammle mir was aus „buenas noches“, „viajeros“ und „alemanes“ zusammen und werde sofort mit einem erleichterten „Ahhhh, alemaaaanes!“ und Handschlag begrüßt. Der Polizeihauptmann gibt weiteren drei Kollegen, die zuvor in gebührendem Abstand die Lage gesichert und die Gegend nach weiteren Verdächtigen durchsucht haben, mit einem Handzeichen Entwarnung.
Mittlerweile ist Christine dazugestoßen und uns wird erklärt, dass ihre Einheit von beunruhigten Nachbarn aus dem Dorf alarmiert wurden, da sich ein fremdes Fahrzeug mit komischen Gestalten unten am Fluss verstecke. Nach einem netten Plausch über unsere Reise und das schöne Uruguay (und vielfachen Entschuldigungen unsererseits) zieht der Polizei-Großeinsatz ab und sowohl wir, als auch das restliche Dorf können endlich beruhigt weiterschlafen.

In den „Termas Arapey“ erwartet uns am nächsten Tag ein schöner Campingplatz:
pro Stellplatz steht ein Asado-Grillplatz zur Verfügung, der Eintritt in die Thermen (vier verschiedene Becken) ist frei und die Sanitäranlagen sind sauber – alles ganz ohne Mopeds, Polizei oder Musik in Stadionlautstärke! Wir sind von brasilianischen, argentinischen und uruguayischen Rentnern umgeben und können schon mal für´s Alter üben.
Hier bleiben wir mehrere Tage zum Faulenzen, Baden, Wäschewaschen und Kröten beobachten. Das Wetter ist zwar sehr wechselhaft, aber bei einer Wassertemperatur von ca. 42 Grad kann man auch gut im Regen baden.

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(Zum Thema Kröten und Frösche: die Lagunen und Seen sind voll damit. Es wird gequakt, geklackert, gejammert und „gebellt“, was das Zeug hält. Unglaublich, dass diese Tiere so unterschiedliche Laute von sich geben können!)

Damit ist unsere Zeit in Uruguay auch schon vorbei und weiter geht´s in Richtung Argentinien…