Argentinien / westlich der Anden…

Argentinien, wir kommen!

Unser Ziel ist Bariloche, denn hier sind wir in ca. zwei Wochen mit unserem Freund Stefan verabredet. Allerdings müssen wir bis dahin noch ca. 2800 km fahren – das entspricht ungefähr der Strecke von Saarbrücken bis Marrakesch, liegt also quasi um die Ecke.
Abgesehen von den riesigen Entfernungen innerhalb Argentiniens, scheint hier prinzipiell alles etwas größer und imposanter zu sein als Sonstwo. Beim Smalltalk mit Argentiniern gibt es nämlich kaum einen Satz ohne Superlative oder Ausdrücke wie „barbaro“ (überwältigend), „espectacular“ oder „hermoso“ (wunderschön)!

Die Straße, auf der wir größtenteils bis nach Bariloche fahren wollen, ist die berühmte (teils geschottert, teils geteerte und teils noch nicht fertig gestellte…) Ruta 40. Der Traum aller Motorradfahrer!
Es sind auch einige Radfahrer unterwegs, aber die müssen hart im Nehmen sein, da die Argentinier einen digitalen Fahrstil haben und die Schotterstraßen (tatsächlich) spektakulär stauben!
Mit ihren 5224 km führt die Ruta 40 von der bolivianischen Grenze bis zur südpatagonischen Atlantikküste durchs ganze Land. (Aber Achtung: noch nicht alle Teilstücke der Ruta 40 sind miteinander verbunden, obwohl es so auf einigen Karten dargestellt wird… D.h. es kann zu unvorhergesehenen Umleitungen kommen!)

Eine unserer ersten Anlaufstellen im andinen Nordwesten ist Salta. Die Stadt, eingebettet zwischen grünen Hügeln zu Füßen der Anden, bekannt für ihre gepflegte spanische Kolonialarchitektur, nennt sich auch „La Linda“, die Hübsche. Ob Rathaus, Kathedrale oder Kirche San Francisco, sie gehören zu den schönsten Bauwerken des Landes!
Abends bummeln wir über die zentrale „Plaza 9 de Julio“: es ist sommerlich warm, man hört hier und da Gitarrenmusik, die Tische vor den Restaurants und Bars sind gut gefüllt, vor der Kathedrale wird mit großen Transparenten lautstark demonstriert … – ein typischer Sommerabend in Argentinien.

Von Salta aus fahren wir weiter nach Cafayate. Zunächst passieren wir die Wälder der Yungas und den See „Dique Cabral Carol“.
Dann beginnt die Fahrt durch die „Quebrada de Cafayate“. Die Landschaft erinnert an ein geologisches Freilichtmuseum: man sieht saftige grüne Täler, ein ausgetrocknetes rotes Flussbett, skurrile Felsformationen, völlig verschiedenartige Gesteinsablagerungen, einige diagonal, andere vertikal, alles in verschiedenen Orange- und Brauntönen…

In Cafayate (1685 m), einem schönen Städtchen mit baumbestandenen Straßen und ebenfalls gut erhaltener Kolonialarchitektur, kehren wir ein und trinken ein Glas fruchtig trockenen Weißwein. In dieser Gegend werden die höchsten Weine der Welt gekeltert!
Zu Burkhards Freude, entdecken wir in einer kleinen Weinhandlung Weinflaschen der „Bodega Stutz“! Ohne mit der Wimper zu zucken, kauft er begeistert den ganzen Bestand auf. Für Wein ist im Auto immer Platz – und somit die Diskussion beendet.

Den nächsten Tag verbringen wir in den „Termas de Fiambalá“.
Neben einem spektakulären Blick auf die Sierra de Fiambalá, hat man hier die Möglichkeit, in einem Dutzend ziemlich warmer Bassins zu baden.

Die Becken werden von einer heißen Quelle gespeist und sind terrassenförmig angelegt. D.h. das oberste Becken, in das die Quelle direkt mündet, hat 51 Grad… – und wer jemals aus Versehen in eine zu heiß eingelassene Badewanne gestiegen ist, kennt das Gefühl! Die gute Nachricht: die Temperatur der nachfolgenden Becken fällt jeweils um ca. 2 Grad. Und man fängt sowieso unten an. Und sofern man keinen Kreislaufkollaps bekommt, soll das Baden hier auch äußerst gesund sein.

(Woher wir das wissen? Auf dem Weg nach Fiambalá, haben wir in einer alten Bodega zwei ebensolche Herren kennengelernt – beide weit über 80, topfit und das beste Beispiel für die Heilkraft der Quelle. Sie saßen beim Mittagessen zufällig am Nachbartisch, wir kamen ins Gespräch und sie erzählten, dass seit dem regelmäßigen Besuch der Therme alle ihre Wehwehchen verschwunden seien! Selbst die chinesischen Ärzte in Buenos Aires würden diese Thermen empfehlen!)

Der südliche Teil der Provinz „Catamarca“ in der sich die Thermen befinden, zählt zu den heißesten und trockensten Gegenden des ganzen Landes. Das Hinterland reicht bis an die Anden und wird über den Pass San Francisco (4750m) mit Chile verbunden. Da sich hier auf 100 Kilometern vierzehn der zwanzig höchsten Berge Lateinamerikas befinden, wird die dazugehörige Ruta 60 auch „Ruta de los Seismiles“ genannt.
Leider liegt die Ruta 60 nicht wirklich auf unserem Weg nach Bariloche – daher können wir nur einen kleinen Teil davon fahren, quasi zum Reinschnuppern…

Die Gegend hier ist wunderschön, aber wir müssen los, Stefan wartet auf uns!
Bevor wir zum „ Parque Provincial Ischigualasto“ weiterfahren, passieren wir in der Provinz „San Juan“ den wahrscheinlich seltsamsten Wallfahrtsort in Südamerika.
Er ist der „Difunta Correa“, der Schutzheiligen aller Reisenden gewidmet. Viele Argentinier glauben an ihren Schutz und auch wenn sie von der katholischen Kirche nicht anerkannt ist, findet man überall an den Fernstraßen kleine Altäre, vor denen die Menschen gefüllte Wasserflaschen abstellen. (Der Legende nach verdurstete die Difunta Correa zur Zeit des Bürgerkriegs 1841 in der Wüste, als sie ihrem verschleppten Mann folgte. Als sie Tage später gefunden wurde, war ihr Säugling wie durch ein Wunder noch am Leben und trank an ihrer milchspendenden Brust.)

Am Wallfahrtsort werden von den Verehrern der Difunta Correa täglich – neben o.g. Wasserflaschen – geplatzte Autoreifen, Getriebeteile, Bilder von zu Schrott gefahrenen Autos, Nummernschilder u.v.m. abgeladen. Frauen deponieren hier ihre Brautkleider, denn schließlich ist die Ehe ja auch eine lange Reise, und man findet aus selbigem Grund selbstgebastelte kleine Häuser in allen Größen hier.

„Ischigualasto“ bedeutet in der Ketschua-Sprache „Land ohne Leben“ – das trifft den Charakter des Parks ziemlich gut. Ein extremes Klima hat diese „Marslandschaft“ geprägt: im Sommer steigen die Temperaturen auf ca. 60 Grad, im Winter fallen sie bis zu – 10 Grad. Kurz gesagt, es gibt hier hauptsächlich Sand, Steine und regelmäßig starke Winde.
Vor etwa 251 Millionen Jahren, im Trias, war das allerdings ganz anders, da streiften viele Dinosaurier durch die üppige tropische Vegetation, denn die Anden, die heute den Regen abhalten, gab es damals noch nicht.
Und da man die Schichten des Trias aufgrund der massiven Erosion nicht einen Kilometer unter der Erde suchen muss, sondern sie quasi offen zu Tage liegen, ist der Park ein Mekka für Paläontologen und Fossiliensucher. Bis heute werden Dino-Jäger jedes Jahr fündig!

Apropos fündig werden: ich habe zwar keinen Dino gefunden, dafür aber zwei große Taranteln auf der Damentoilette. Immerhin!

Weiter geht´s ins nächste felsige, weitgehend vegetationslose Naturreservat: in den „Parque National El Leoncito“. Bevor wir zum Park abbiegen, passieren wir den ausgetrocknete See „Barreal Blanco“.

Ist „Ischugualasto“ das Mekka für Paläontologen, so ist „El Leoncito“ das Mekka für Astronomen! Der Park liegt weit entfernt von großen Städten und pro Jahr gibt es hier ca. 300 wolkenlose sternklare Nächte.
Das heißt für uns, tagsüber Wandern und nachts Sternegucken.

In der Sternwarte des Parks treffen wir auf Walter, der normalerweise in Buenos Aires im Planetarium arbeitet und begeisterter Hobby-Astronom ist.
Dass wir Deutsche sind, findet er großartig! Schon seit Langem interessiert er sich für deutsche Kultur, Sprache, Musik und Geschichte. In ziemlich guten Deutsch erklärt er uns, dass er sich die deutsche Sprache selbst beigebracht hat und seine absolute Leidenschaft Sternkugelhaufen sind. Und die Kombination er, deutsche Touristen, Sternwarte und Sternkugelhaufen sei quasi wie ein Sechser im Lotto!
Walter ist phänomenal. Er weiß alles über den südlichen Sternenhimmel! Dort wo wir nur eine Unmenge ungeordneter Sterne und Planeten sehen, erklärt er uns mit Hilfe seines Laserpointers, der gefühlt einige Lichtjahre weit reicht, in Nullkommanix die verschiedensten Himmelsformationen und wir entdecken trotz einiger Wolken sogar ein paar Sternkugelhaufen, die durch das große Spiegelteleskop gut zu erkennen sind. Zwischendurch trinken wir heißen Matetee und hüpfen ein bisschen auf der Stelle, denn im Park wird es nachts ganz schön kalt!

Von Leoncito aus fahren wir über die „Caracoles de Villavicencio“ (Schnecken von Villavicencio), die wegen ihrer angeblich 365 Serpentinen auch „Ruta del Ano“ (Jahresroute) genannt wird, nach Mendoza.

„Estar entre San Juan y Mendoza“ bedeutet in Argentinien soviel wie „einen Schwips haben“. Damit ist schon alles gesagt.
Wir befinden uns im berühmtesten Weingebiet Argentiniens: vor uns Weinberge und Bodegas, am Horizont die majestätische Andenkette…
Der erste Wein wurde hier 1566 von Jesuiten gepflanzt. Heiße, sonnige Tage, klares Schmelzwasser, das über Bewässerungskanäle aus den Anden ins Tal fließt und sandige Böden, die von der Reblaus gemieden werden – besser können die Bedingungen nicht sein!
Mendoza, 1561 gegründet, wurde 1861 von einem starken Erdbeben vollständig zerstört, so dass vom kolonialen Erbe kaum etwas übrig geblieben ist. Dafür präsentiert sich die Stadt mit breiten Avenidas, belebten Plazas und grünen Parks. Außerdem ist die Stadt für ihre schönen Frauen und für ihr hervorragendes Essen bekannt. Beides können wir guten Gewissens bestätigen!

…das beste Restaurant bis jetzt… das Asafazar in Mendoza!

Weiter geht es über die Ruta 40, immer den Anden entlang, durch Steppenlandschaften…

An was erinnert euch das…?

…bis in die Provinz Neuquén, die zwar schon zu Patagonien gehört, aber eine Welt für sich ist: mit ihren grünen Wäldern, saphirblauen Seen und schneeblitzenden Bergen und Vulkanen sieht sie aus wie die Schweiz in XXL.
Bariloche, das Zentrum dieser „patagonischen Schweiz“ liegt wunderschön am Südostufer des Lago Nahuel Huapi, im gleichnamigen Nationalpark, umgeben von einem Kranz schneebedeckter Zweitausender, ist aber selbst, ehrlich gesagt, ziemlich hässlich… es gibt hier leider zu viele Bausünden! Aber, da unser Hotel am Rand von Bariloche und direkt am Strand liegt, können wir einen ungestörten Blick auf See und Berge genießen.

Regelmäßig kommen Greifvögel der gegenüberliegenden Insel vorbei, um sich füttern zu lassen. Damit findet auch der ekelhafte Formschinken des Frühstücksbüffets endlich sinnvolle Verwendung!

In Bariloche degradieren wir unseren Cruiser zum normalen Auto, stellen ihn auf dem Parkplatz ab, ziehen mit Sack und Pack zu Stefan ins Apartment und eröffnen für eine Woche eine Musiker-WG. 2 Gitarren & 1 Bass.
Beim abendlichen Kneipengang wird uns aber schnell klar, dass wir einen Auftritt ohne Anlage vergessen können- die Geräuschkulisse ist einfach zu enorm.
Daher verlegen wir unser geplantes Mini-Konzert an den Strand und spielen dort vor „Laufpublikum“ und Stefans argentinischen Kollegen. Auch schön!

In den nächsten Tagen faulenzen wir rum, schreiben Blogbeiträge, machen Ausflüge im Nationalpark Nahuel Haupi und erfreuen uns an der frühlingshaften Umgebung!

Auch Stefan darf mal ans Steuer und siehe da, kurz darauf fängt der Cruiser an rumzuzicken… plötzlich läuft er unruhig, qualmt und stinkt…Sehr merkwürdig. Anscheinend ist er doch eine sensible Seele!

Nach einer sehr schönen Woche mit guten Gesprächen, langen Abenden, viel Wein und Musik verabschieden wir uns von Stefan…

…und fahren mit unserem immer noch beleidigten Toyota weiter Richtung Süden…