La Paz…
die höchstgelegenste Großstadt der Erde.
Alleine schon die Anfahrt über El Alto (auf ca. 4000 m) ins Zentrum bzw. in die Vororte von La Paz (die zum Teil über 1500 Höhenmeter tiefer liegen!) verschlägt uns den Atem – und das liegt nicht nur am Smog. Wir haben das Gefühl über die Kante des Altiplano in die Tiefe zu stürzen, denn die Straßen der Hänge, an denen Häuser und Wellblechhütten zu kleben scheinen, ziehen sich teilweise in extremer Steillage in den Talkessel hinab.
Und tatsächlich müssen wir auf einer unserer Fahrten durch die Stadt eine sehr kurze, sehr steile Straße beim Hinauffahren auslassen, da wir das Gefühl haben, gleich nach hinten zu kippen…! Unser Bordcomputer zeigt fast 25 Grad Steigung an. Hört sich harmlos an, ist aber ziemlich heftig! Kurzum: in einer Stadt wie La Paz sollte man im Navi besser nicht die Suchoption „kürzeste Strecke“ eingeben.
Um uns herum tobt der Straßenverkehr, es wird gehupt, überholt, zwischen die Kleinbusse drängeln sich Motorräder, Fußgänger, Fahrradfahrer… es herrscht das reinste Chaos! Das, was Ampeln und Verkehrsschilder anzeigen, scheint nur eine Option von vielen zu sein und aus einer eigentlich 4-spurigen Straße wird schnell mal eine 9-spurige.
Nach unserer Ankunft auf dem Campingplatz steigen wir in die stadteigene Teleferico (Seilbahn) und schauen uns schwebend, in friedlicher Stille und mit mehr frischer Luft das ganze Treiben von oben an.
Wieder auf dem Boden angekommen, besichtigen wir die Altstadt von La Paz.
Zufällig findet in der Basilika San Francisco ein Gottesdienst statt und während wir den inbrünstig gesungenen Liedern lauschen, kommt uns die ein oder andere Melodie sehr bekannt vor… ganz klar Simon & Garfunkel (eine Melodie war eindeutig „Sound of silence“). Aber wer jetzt bei wem geklaut hat…?
Viele Straßenzüge der Altstadt werden von Marktständen gesäumt und man bekommt hier alles, was man so im bolivianischen Alltag benötigt: Fußballtrikots, bunte Unterröcke, Hüte, Heilkräuter und Lama-Föten …
Am Straßenrand verkaufen Cholitas Hühnchen mit Reis und Empanadas. Unübertroffen in Vielfalt und Unübersichtlichkeit ist allerdings der inoffiziell offizielle riesige Schwarzmarkt in El Alto!
Mit Gert, einem Lübecker, der seit über 35 Jahren in La Paz lebt, machen wir am nächsten Tag eine Stadtführung.
Von ihm erfahren wir interessante Sachen über Coca-Anbau, gebrauchte Waschmaschinen (in El Alto kaum noch zu bekommen – man munkelt, sie werden alle für die Herstellung von Coca-Paste verwendet), Atomkraftwerke (für La Paz ist eins in Planung), Trinkwasserversorgung (in den Sommermonaten eine Katastrophe), bolivianische Satelliten (ja, Bolivien besitzt tatsächlich einen) und, dass an Straßenlaternen hängende Puppen „Achtsame Nachbarschaft“ bedeuten, allerdings auf bolivianische Art (d.h. hier werden gefasste Diebe verprügelt bzw. auch schon mal gehängt…)
Auf unserer Tour landen wir in der „Hexengasse“ von El Alto. Hier reihen sich kleine, bunt bemalte Bretterbuden dicht aneinander, an den Türen hängen Schilder auf denen Yatiris (bolivianische Schamanen) ihre Heilkünste anpreisen, vor den Buden brennen in Metallschalen kleine Feuerchen, in denen Opfergaben verbrannt werden.
Dieser Brauch heißt „Wajíra“ und wurzelt in präinkaischer Zeit. Je nach Anliegen (Liebe/Geld/Erfolg/Glück) wird von einem Yatiri ein individueller Opfertisch zusammengestellt und normalerweise werden die Opfergaben dann auf der Erde, als Geschenk an Pachamama verbrannt. Da das in Städten aber nicht erlaubt ist, werden dort für diesen Zweck kleine Öfen benutzt. Das Übergießen der rituellen Gegenstände mit Alkohol besiegelt die Zeremonie.
In der Kolonialzeit waren die Bräuche verboten und wurden nur heimlich ausgeführt, aber seit den 80ger Jahren werden sie mehr und mehr wiederentdeckt und mittlerweile ganz offiziell ausgeübt.
Gert erzählt uns, dass die Tradition des Wajíra im bolivianischen Alltag stark verankert sei. Als er zusammen mit seiner (bolivianischen) Frau ein Haus gebaut habe, war es quasi Pflicht, einen Yatiri zu beauftragen, der den Rohbau segnet, inklusive Vergraben von Lama-Föten in allen vier Ecken des Hauses und Opfertisch. Er selbst halte von solchem Hokuspokus nichts, aber ohne Zeremonie, hätte kein Arbeiter am Haus weiter gemacht, da eine fehlende Segnung Unglück für alle Beteiligten bedeutet hätte.
Neugierig und mit gebührendem Abstand beobachten wir das Treiben um uns herum.
Wie es der Zufall will, treffen wir vor einer dieser Buden Claudia, eine langjährige Bekannte von Gert. Sie hat einen Termin bei ihrem Yatiri und wartet auf Einlass.
Wir nutzen die Wartezeit für ein kleines Gespräch. Sie ist ganz offen und erzählt uns, dass sie sich hier immer Rat holt, wenn eine schwierige Entscheidung bevorsteht. Dazu muss man wissen, dass Claudia eine sehr gebildete Frau ist, fließend deutsch spricht, mehrere Studiengänge absolviert hat (zur Zeit studiert sie Jura) und auch lange Zeit kirchlich aktiv war – eine interessante Kombination.
Spontan lädt sie uns ein, mit in ihre Sitzung zu kommen und uns das Ganze mal anzuschauen – natürlich nur, wenn wir wollen. Klar wollen wir!
Kurze Zeit später öffnet der Yatiri Valentin Kilikilini seine kleine Bretterbude für uns. Er ist mit unserem Besuch einverstanden, begrüßt uns freundlich und dann quetschen wir uns zu Viert auf eine kleine Holzbank, die eigentlich nur für maximal drei Personen gedacht ist. Im Inneren ist es relativ dunkel und riecht nach Alkohol. Auf einem Tisch stehen ein (echter) Totenkopf mit ausgestopften Augen, ein heiliger Stein, ein Sack voll Coca-Blätter, Karten, kleine Plastikflaschen mit Hochprozentigem. An der Wand hängen ein Kreuz, Fotos von Valentin in traditioneller Tracht und christliche Heiligenbilder.
Claudia stellt ihr persönliches Anliegen mit konkreten Fragen vor. Anschließend befragt der Yatiri, unter Anrufung von Pachamama und diversen Heiligen, dazu zuerst die Karten und liest danach aus Coca-Blättern. Er murmelt Wörter in einer uns unverständlichen Sprache und spritzt zwischendurch immer wieder hochprozentigen Alkohol darauf.
Nachdem Claudias Anliegen ausreichend beratschlagt worden ist, kommt Burkhard an die Reihe…
P.S.: Übrigens war Valentin Kilikilini einer der engsten Berater von Evo Morales in dessen erster Amtszeit, was zeigt, welch große Bedeutung Yatiris in der bolivianischen Gesellschaft beigemessen wird.
Nach der Sitzung bei Valentin setzen wir unseren Stadtrandgang fort. Diesmal zu Viert, Claudia begleitet uns.
Zum Abschluss des Tages schauen wir uns noch das Gefängnis San Pedro von Außen an. Es liegt an der Plaza Sucre, mitten in der Stadt, ist das größte Gefängnis Boliviens und weltweit ziemlich einzigartig, da es von seinen Insassen selbst verwaltet wird. Seitdem aber ein Fernsehteam aus Europa heimlich einen Film über San Pedro gemacht hat (mit dem Ergebnis, dass man hier die besten Drogen bekommt), ist ein Besuch für Touristen leider nicht mehr möglich.
Einige Tage später stoßen wir Süden von La Paz zu unserer Freude auf ein großartiges Restaurant: das „Gustú“.
Die Betreiber haben sich zur Aufgabe gemacht, die Vielfalt bolivianischer Produkte (neu) zu entdecken und ausschließlich damit zu kochen. Das Konzept hat sich bewährt: 2016 wurde eine der Köchinnen zur besten Köchin Südamerikas und das Gustú zum besten Restaurants Boliviens gewählt!
Mit viel Glück bekommen wir kurzfristig für abends einen Tisch – und nicht nur das, wir dürfen sogar in der Küche sitzen und bei der Zubereitung unseres 17-gängigen bolivianischen Degustationsmenüs zuschauen!

Weiter geht´s in den südlichen Teil des Altiplano nach Sucre, der verfassungsgemäßen Hauptstadt Boliviens. Sucre, 1538 gegründet, ist mit 240 000 Einwohnern zwar wesentlich kleiner als La Paz, aber historisch bedeutsamer.
Hier wurde nicht nur 1809 in der Iglesia de San Francisco die bolivianischen Freiheitsglocke geläutet, die die Unabhängigkeitskämpfer zum Aufstand rief…
… sondern 1825 auch die Unabhängigkeit Boliviens erklärt und die Unabhängigkeitsurkunde unterzeichnet.
Außerdem findet man in Sucre die erste Universität des Landes, viele sehenswürdige Kirchen, interessante Museen, gemütliche Plätze und viel gut erhaltene koloniale Gebäude. Für eine bolivianische Stadt wirkt sie erstaunlich aufgeräumt und europäisch.
Nicht zu vergessen: es gibt hier auch einen tollen Markt!
In der Altstadt werden in vielen Geschäften Charangos verkauft. Allerdings nur welche, die man dekorativ an die Wand hängen kann und entsprechend klingen… (Charangos sind mandolinenartige Saiteninstrumente und neben der Planflöte das bekannteste Instrument der Anden. Früher wurde als Schallkörper meist die Schale eines Gürteltiers verwendet, was heute verboten ist!). Unser „Herbergsvater“ Alberto, seines Zeichens Professor für Elektrotechnik und passionierter Charangospieler, ist so nett und hilft uns nicht nur eine richtig gute zu finden, sondern zeigt uns auch, wie man sie spielt.
Da wir in der Karwoche in Sucre angekommen sind und die Stadt sehr katholisch ist, ist hier quasi die Hölle los!
Die Kirchen sind zu den Gottesdiensten proppenvoll und ab Palmsonntag werden überall in der Stadt aus Schilf gebastelte Gegenstände (Körbchen, Kreuze…) verkauft.
Am Karfreitag steht traditionell der Kreuzweg am Kalvarienberg auf dem Programm und wir gehen diesmal auch mit.
Der Weg erstreckt sich über mehrere Kilometer und wird von diversen Verkaufsständen begleitet. Nachdem wir die letzte Station hinter uns gelassen haben, laufen wir noch ein Stück zur großen Jesusstatue hoch und schon von Weitem hören wir Musik und ein blechernes Geräusch, so als ob jemand ganz laut Nägel einschlagen würde… oh nein! Wir befürchten Schlimmstes – die werden doch nicht etwa…?
Als wir in Sichtweite des Geräuschs kommen, sehen wir, dass auf einer großen Leinwand ziemlich drastisch die Kreuzigungsszene gezeigt wird, anscheinend ein Ausschnitt aus einem modernen Jesus-Film. Die Stimmung der Szene ist naturgemäß sehr bedrückend, die dazugehörigen Dialoge und Musik dröhnen über Lautsprecher und zu allem Überfluss werden dem Ungläubigen, der neben Jesus am Kreuz hängt, von einem Raubvogel in Großaufnahme auch noch die Augen ausgehackt. Wir haben schnell genug und treten den Rückweg an!
Abends zieht zum Abschluss auch noch eine Karfreitagsprozession durch die Stadt.
Diesmal alles weniger blutrünstig, aber lautstark begleitet von einer in weiß gekleideten Blaskapelle. Vorneweg werden eine Jesus- und eine Maria-Figur auf Schultern durch die Straßen getragen, umgeben von Gläubigen, teilweise mit weißen, spitzen Kopfbedeckungen (erinnert etwas an den Kuklux-Clan). An den einzelnen Kreuzwegstationen wird angehalten und laut (mit Megaphon) gebetet.
Irgendwie schafft uns dieser Karfreitag in Sucre – wir brauchen dringend Tapetenwechsel und fahren am nächsten Tag weiter nach Potosí.
Potosí, nach La Paz die zweithöchst gelegene Stadt der Welt und ehemalige Schatzkammer Südamerikas. Sie liegt zu Füßen des Berges „Cerro Rico“ (4128 m), in dem im 16. Jahrhundert große Silbervorkommen entdeckt wurden.
Damit war das Schicksal von Potosí besiegelt: über die Jahrhunderte wurden über 46 000 Tonnen Silber aus dem Berg geholt (der Silberstrom füllte Spaniens leere Kassen) und es starben mehr als 9 Millionen Zwangsarbeiter (v.a. Indegenas) in den Minen.
1650 war Potosí die größte Stadt des amerikanischen Doppelkontinents und hatte mehr Einwohner als Madrid, Paris oder Rom zu jener Zeit! Vom ehemaligen Reichtum zeugen u.a. noch 36 Kirchen und viele andere koloniale Bauwerke.
Im Museum „Casa Nacional de la Moneda“ besichtigen u.a. wir riesige Holzmaschinen, die damals zum Prägen von Silbermünzen aus Spanien importiert wurden, Silberwalzen, Prägestempeln und diverse Objekte, die aus dem Silber Potosis hergestellt wurden.
