Wir reisen über Desaguadero nach Peru ein. (Desaguadero gilt als einer einer der miesesten Grenzübergänge ganz Südamerikas – aber das wissen wir glücklicher Weise zu diesem Zeitpunkt noch nicht.)
Es beginnt damit, dass wir auf dem Weg zum Zoll von einem Polizisten gestoppt werden. Wir halten ein bisschen Smallltalk (woher? wohin? usw.) und plötzlich erwähnt er ganz nebenbei etwas wie: es wäre besser, wenn wir mit der Polizei kooperieren würden… Wie bitte? Kooperation? Bestechungsgeld? Wir lehnen entrüstet ab: Polizist sei ein ehrenwerter Beruf in Deutschland! Niemals könnten wir einen Polizisten bestechen! Unvorstellbar! Wir reisen seit Monaten unbehelligt durch Südamerika – und jetzt das… usw. Nach einiger Zeit lässt er uns entnervt mit einem: Jajaja, tranquilo – das sei ja nicht obligatorisch… zum Grenzübergang (allerdings zum falschen, nämlich den für LKWs) weiterziehen.
Nachdem wir schnell herausgefunden haben, dass wir hier verkehrt sind, geht es weiter mit der Suche nach dem richtigen Grenzübergang. Dazu müssen wir wieder mitten durch den Ort, durch schmale, vollgestopfte Gassen, an Marktständen vorbei, bis wir endlich die kleine Grenzbrücke erreichen. Die bolivianischen Grenzformalitäten sind schnell erledigt. Um auf die andere Seite zum peruanischen Zoll gelangen zu können, müssen wir allerdings zuerst einmal über die Brücke. Für diese kurze Strecke wird erstaunlicherweise Wegegeld verlangt, umgerechnet ca. 2 Euro. (Wir haben von anderen Reisenden gehört, die dafür 150 US $ bezahlen sollten!)
Auf der Brücke kommen uns von allen Seiten kleine Tuktus und Holzkarren mit den unterschiedlichsten Waren werden entgegen… es ist ziemlich chaotisch und dazu kommt, dass wir schon relativ spät dran sind und es allmählich dämmert.
Die peruanischen Grenzformalitäten ziehen sich endlos in die Länge. Um mit dem Cruiser einreisen zu können, müssen wir zuerst einmal eine überteuerte Autoversicherung abschließen, die bar in peruanischen Soles zu bezahlen ist – und der Kurs zum Geldwechseln ist natürlich auch unterirdisch. Wir sind von Allem ziemlich genervt, aber es gibt momentan keine Alternative… was für ein Empfang in Peru!
Erst im Dunkeln können wir den Zoll verlassen und uns einen Übernachtungsplatz suchen. (In Reiseführern wird ausdrücklich davor gewarnt, nachts in Peru Auto zu fahren, u.a. deswegen, weil die meisten Autos ohne Licht fahren würden. Aber wir erleben genau das Gegenteil: sie fahren alle mit Licht – und zwar mit Fernlicht! Auch nicht viel besser…)
Nach einer ruhigen Nacht auf dem Marktplatz von Juli geht es am nächsten Tag weiter nach Sillustani.
Sillustani ist bekannt für seine steinernen Grabtürme („Chullpas“). Diese Grabtürme, vom Volk der Collas erbaut, waren oft mehrere Meter hoch und mit einem Strohdach oder Steinplatten abgedeckt. In den Türmen wurden wichtige verstorbene Persönlichkeiten samt Familienmitgliedern, Dienern, Nahrungsmitteln und Besitztümern eingemauert. Es ist nicht bekannt, wann die Begräbnisstätte gebaut wurde, man weiß nur dass es vor der Eroberung durch die Inka war.
Wir verlassen die Gegend um den Titicacasee, bleiben aber noch im Andenhochland und fahren Richtung Westen ins Colca-Tal.
Zwischendurch nehmen wir zwei Tramper samt großen grünen Sack mit.
Burkhard hilft beim Einladen: der Sack ist ziemlich schwer und fühlt sich warm und weich an. Im Scherz fragt er, ob sich im Sack ein totes Lama befindet – Volltreffer!
Seit Jahrhunderten werden im Colca-Tal an terrassierten Hängen Mais, Bohnen, Kartoffeln, sowie zahlreiche Obst- und Gemüsesorten angepflanzt.
Viele dieser Hänge und künstliche Bewässerungskanäle wurden schon in präinkaischer Zeit (d.h. vor dem 13.Jhd.) angelegt.
In das grüne Tal hat der Rio Colca über Jahrmillionen eine tiefe Schlucht gegraben, den Colca-Canyon. An seiner tiefsten Stelle ist er 3400m tief und stellt damit den Grand Canyon in den Schatten!
Außerdem ist er einer der wenigen Orte in Peru, wo man die Gelegenheit hat, frei lebende Kondore aus nächster Nähe zu beobachten.
Weiter geht es über die westlichen Andenkordilleren, vorbei an aktiven Vulkanen und immer trockener werdenden Landschaften bis zur Pazifikküste.
Der schmale Küstenstreifen Perus, zwischen Pazifik und Anden gelegen, ist weitgehend eine Küstenwüste nur unterbrochen von den Flussoasen der Flüsse, die es bis hierhin aus den Anden schaffen.
Er erstreckt sich über eine Länge von 3180 km von der chilenischen bis zur ecuadorianischen Grenze, mit einer Breite im Norden von 150km und im Süden von nur 30 km.
Die Panamericana führt uns küstennah und kurvig immer weiter Richtung Norden.
Wir passieren Sanddünen, die an die Sahara erinnern und Sandverwehungen sind an der Tagesordnung… ohne regelmäßiges Freiräumen mit dem Bagger wäre kein Durchkommen möglich!

Auf unserer Route kommen wir direkt an den berühmten Nazca-Linien vorbei, bzw. wir fahren praktisch darüber, denn unglücklicherweise wurde die Panamericana vor Jahrzehnten so gebaut, dass sie dem 188 m langem Scharrbild „Die Eidechse“ den Schwanz durchschneidet…
Von einem Aussichtsturm aus, schauen wir uns einige Bilder von oben an.
Bei den Linien von Nazca handelt es sich um gigantische Bodenzeichnungen, in Form geometrischer Muster oder Abbildungen von Tieren, Pflanzen oder Menschen, die vor über 2000 Jahren von den Nazca in den Wüstenboden geritzt wurden. Man nimmt an, dass es sich dabei um einen astronomischen Kalender handelt, anhand dessen Aussaat, Ernte und Beginn der Regenzeit in den Anden bestimmt werden konnte.
(Die Nazca-Linien wurden übrigens ausführlich von der deutschen Mathematikerin und Geographin Maria Reiche erforscht. Sie wurde dafür 1981 mit dem höchsten Orden des Landes, dem Sonnenorden, geehrt.)
Wir fahren weiter bis nach Lima, wo wir ein paar Tage verbringen und danach geht es wieder die endlose Pazifikküste entlang…
Unterwegs kommen wir an vielen altperuanische Kulturstätten vorbei. Ganz besonders erwähnenswert ist dabei der Ruinenkomplex von „Chan-Chan“, 5 km westlich von Trujillo gelegen.
Er war die größte vorkolumbische Stadt des gesamten Kontinents und ist die größte Lehmziegelstadt der Welt. Mit dem Bau wurde im 9.Jhd. n. Chr. unter den Moché begonnen und unter den Chimú lebten in ihrer Blütezeit im 14. Jhd. dort mehr als 100 000 Einwohner. Die Stadt beherbergte unermessliche Gold-, Silber- und Keramikschätze!
Da Chan-Chan komplett aus luftgetrockneten Ziegeln gebaut ist, richteten Naturkatastrophen, v.a. sintflutartige Regenfälle (El Nino) oder Erdbeben im Laufe der Zeit große Schäden an. Außerdem wurden viele Grabstätten im 16.Jhd. von goldgierigen Spaniern geräubert. Trotz allem lassen sich Größe und Pracht von Chan-Chan immer noch erahnen!
Auch ausgesprochen gut gefallen hat uns das „Museo de Tumbas Reales de Sipán“ in Lambayeque.
Das Museum, 2002 eingeweiht und im Stil einer Moché-Pyramide gebaut, ist eines der schönsten und best aufbereitetsten Museen ganz Südamerikas und stellt auf drei Stockwerken die Fundstücke der Gräber von Sipán aus.
Hierbei handelte es sich um einen der spektakulärsten Grabfunde des Kontinents! Ein archäologischer Volltreffer auch deswegen, weil die nahezu vollständigen Gräber sehr viel Informationen über das Leben und Sterben der Mochica (100-800 n. Chr.) lieferten.
Bei der ersten Grabung 1987 stießen die Forscher auf den „Senor de Sipán“, einen ca. 40-jährigen Mochica-Herrscher, der in seinem 1700 Jahre altem Grab von acht weiteren Personen, darunter Frauen, Sklaven und Krieger umgeben war. Grabbeigaben: eine mehrteilige goldene Totenmaske, silberne Sandalen, zahlreiche Edelsteine, sehr viel Goldschmuck, Muschelketten, Silberschmuck, hunderte von Keramikgefäßen…
Bei weiteren Grabungen in Sipán stieß man 1988 auf das zweihundert Jahre ältere „Grab des Alten Herrschers von Sipán“ und 1990 auf das „Grab des Priesters“, beide vollkommen unberührt und mit unermesslichen Schätzen für ein Leben im Jenseits ausgestattet.
Neben der Ausstellung des prächtigen Grabschmucks findet man im Museum auch viele Informationen über die Gesellschaft und das Weltbild der Mochica, bekommt einen Einblick in die Arbeit der Archäologen und kann sich die Nachbildung der Grabstätten mit den originalen Knochenresten anschauen. (Leider ist Fotografieren im gesamten Museum verboten!)
Wer sich näher über die präkolumbischen Hochkulturen Perus (u.a. auch über die Nazca, Moché, Chimú, usw.) informieren und sich ihre faszinierenden Goldarbeiten im Original anschauen will, dem sei die aktuelle Ausstellung „Inka-Gold“ (Mai- November 2017) im Weltkulturerbe Völklinger Hütte ans Herz gelegt!